Tsunami-Relief-Camp in Karaikal und Special-Camp in Dharamsala
Workcamps: Schonender Tourismus oder Entwicklungszusammenarbeit?
Diesen Sommer nahm ich an zwei Workcamps der Organisation FSL-India teil: Zunächst an dem Tsunami-Relief-Camp im Süden Indiens, in Karaikal, (vom 22.08. – 29.08.2005) und darauffolgend an einem Special-Workcamp im Bundesstaat Himachel Pradesch, in Dharamsala (vom 05.09. – 25.09.2005). Meine Ausgangsmotivationen waren folgende: Ich wollte mich selbst in einem fremden Kulturzusammenhang erfahren und dadurch den durch meinen eigenen Kulturkreis begrenzten Horizont erweitern. Ich wünschte mir, Indien nicht ausschließlich als „Rucksack-Tourist“ zu bereisen, sondern über die Workcamps einen näheren Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung zu erhalten. Zudem erhoffte ich mir auf meiner Reise und in den Vorbereitungsseminaren des IJGD einen Einblick in die Thematik Entwicklungszusammenarbeit.
Ich bestreite ein Lehramtsstudium und möchte dieses Themenfeld und Projekte ähnlicher Form eventuell an die Schule tragen. Da es meine erste Reise außerhalb Europas als Alleinreisender war, waren die Workcamps für mich Kontaktstellen und zudem eine Form der Absicherung in Indien.
Die beiden Vorbereitungstreffen des IJGD waren für mich sinnvolle und gewinnbringende Erfahrungen: Innerhalb der Gruppe fand ein Austausch von Ängsten, Wünschen, Vorurteilen und Vorfreude statt. Diese Veranstaltungen gaben mir ein Gefühl der Sicherheit: Ich fühlte mich, was meine praktischen Fragen zu Impfungen, Verhaltens- und Kommunikationskodizes in Indien, Verkehrsmitteln etc. anging, gut informiert. Entscheidend war für mich die einführende Sensibilisierung über Diskussionen, Spiele und Vorträge in Themen wie Entwicklungs,hilfe` - Entwicklungszusammenarbeit, Formen des Tourismus und eigene bzw. uns in dem fremden Land zu erwartende Vorurteile.
In meinem einwöchigen Workcamp in einer vom Tsunami betroffen Region Indiens teilte sich die Gruppe in verschiedene Projekte auf, die vormittags und nachmittags stattfanden. Ich konnte mich beispielsweise für eine Zusammenarbeit mit einem einheimischen Frauenprojekt, in welchem Papiertüten hergestellt wurden, oder für eine Unterstützung eines sehr verwahrlosten Waisenhauses entscheiden. Ich besuchte jedoch nachmittags mit zwei anderen Freiwilligen ein Dorf, welches direkt an der Küste gelegen war, um mit den Kindern vor Ort zu spielen, zu malen, zu basteln und ihnen gegebenenfalls Raum zu geben, ihre Erlebnisse des Tsunamis in Form von Bildern auszudrücken. Unaufgefordert brachten einige der Kinder ihre Gefühle und Wirrungen zu den Geschehnissen zu Papier (nach 8 Monaten!!!). Die Bilder werden diesen Herbst von einer Teilnehmerin zu einer Exposition in Rom zusammengestellt.
Drei andere Nachmittage verbrachten wir in einem Dorf der sogenannten Unberührbaren bzw. Dalits, welche abseits und ausgeschlossen von der Stadt in einem Slum wohnten. Ich war erschüttert davon, wie aggressiv, rastlos und unkonzentriert die Kinder hier im Vergleich zu dem anderen Dorf waren. Meist wurden die Materialien, die wir mitgebracht hatten, in den ersten Minuten gestohlen. Einige Kinder schienen nur schreien und schlagen zu können. Der Umgang der Kinder untereinander spiegelte augenscheinlich ihre eigene Behandlung durch Familie und wahrscheinlich auch die Erfahrung der Ablehnung in der Gesellschaft wieder. Es war nicht einfach für mich eine Balance zwischen selbstschützender, lautstarker Abgrenzung und Vermittlung von Zuwendung und Kreativität zu finden.
Vormittags unterrichtete ich drei Tage lang in einer staatlichen Dorfschule vor 42 fünfjährigen Kindern Englisch, was angesichts meiner nicht vorhandenen Tamil-Kenntnisse ein Abenteuer war. Die beiden anwesenden Lehrerinnen unterstützten mich (leider schlagkräftig), meine Ideen wenigstens ein wenig umsetzen zu können.
Die verbliebenen Vormittage half ich mit, einen Wall aus Sand an der Küste mit Schüsseln und Hacken aufzuschütten. Einige andere Teilnehmer waren mit dieser Arbeit schon seit mehreren Wochen beschäftigt. Angesichts der Mittagshitze war diese Arbeit körperlich anstrengend. An meinem letzen Tag tauchten dann wie aus heiterem Himmel einheimische Bauarbeiter mit Maschinen auf und führten die mühsam begonnene Arbeit innerhalb weniger Stunden aus. Diese Fehlorganisation war für uns ein sehr frustrierendes Erlebnis.
In meinem zweiten Workcamp, welches nahe dem Ort McLoad Ganj, dem derzeitigen Exilwohnsitz des Dalai Lamas und einer großen tibetischen Anhängerschaft, gelegen ist, erhoffte ich mir ein Kennenlernen der Kultur des tibetischen Buddhismus. Leider fand dieses nur durch einen mäßigen Vortrag eines Übersetzers des Dalai Lamas statt. Die Arbeit in diesem Camp bestand größtenteils darin, eine Schule anzustreichen. Da die gesamte Gruppe zeitweilig von einem leichten Virus befallen war und zudem der Monsunregen die geplante Baumbepflanzung eines Erdrutsch-gefährdeten Abhangs unmöglich machte, waren wir eine längere Zeit in unserem Haus eingesperrt (was durch die sehr gute Atmosphäre innerhalb der Gruppe und Gruppenleitung erträglich war). Der Austausch mit den Tibetern konnte dadurch auch nur geringfügig stattfinden. Die abschließende Trekkingtour durch die eindrucksvolle Landschaft des Himalayan National Park war für mich und für die meisten anderen Teilnehmer der Höhepunkt dieses dreiwöchigen Workcamps.
Innerhalb der beiden Workcamps beschäftigte mich häufig die Frage, inwieweit wird unsere Arbeit von der regionalen Umgebung wahrgenommen. Ist unsere Arbeit überhaupt nützlich oder ist sie in erster Linie ein Spaßfaktor für die Teilnehmer und gibt uns das Gefühl, eine Aufgabe in dem fremden Land zu haben? Das Zusammensein in der Gruppe, der Austausch im gemeinsamen Leben und Arbeiten haben mir zweifellos Freude bereitet und meine Reise durch Indien bereichert. Ich war jedoch unglücklich über den Zustand, dass wir als Fremde in dem Land, im Endeffekt ohne Zusammenarbeit mit den einheimischen Menschen, quasi als Entwicklungs,helfer’ fungierten. Es gab nur geringfügigen Kontakt mit Indern vor Ort, sei es ein kultureller Austausch oder ein Zusammenwirken der jeweiligen Ideen zu den einzelnen Projekten. In beiden Projekten brachte ich dieses Thema zur Sprache. Es stellte sich heraus, dass es vielen Teilnehmern ähnlich ging wie mir. Wir wünschten uns mehr Dialog mit den Menschen, die in der Region leben. Es kam die Frage nach Nützlichkeit der Workcamps auf angesichts der hohen Fluktuation der Workcamp-Teilnehmer im Tsunami-Relif-Camp, was einen sinnvollen stringenten Vertrauensaufbau gerade in der Arbeit mit Kindern erschwerte, angesichts der z.T. schwer berechenbaren äußeren Bedingungen in Indien (siehe Beispiel: Wallaufschütten) und der fehlenden Resonanz der einheimischen Bevölkerung.
In meinem zweiten Workcamp fingen wir nach einiger Zeit an, vermehrt Menschen, die wir in der Stadt kennenlernten, entweder zum gemeinsamen Essen oder zu unserer Arbeit einzuladen. So konnten wir einen Jungen, der sich sein Geld mit Schuhputzen verdiente, für die Malerarbeiten in der Dorfschule gewinnen und ihn am Ende von unserem Geld entlohnen.
Auch wenn dieses ein Einzelfall blieb, denke ich, dass es eine gute Idee ist, die einheimische Bevölkerung in ähnlicher Weise in die Arbeit der Workcamps mit einzubeziehen. Einerseits würde für beide Seiten der wünschenswerte Kontakt und Ideenaustausch hergestellt, andererseits hätte man als Workcamp-Teilnehmer nicht mehr das Gefühl, in kolonialistischer Weise Arbeiten für das Land zu verrichten, in der Annahme, dass dieses gut sei für die jeweilige betreffende Region. Die Workcamp-Teilnehmer könnten durch Spenden einheimischen Menschen die Möglichkeit geben (wenn auch nur für eine kurze Zeit), eine entlohnte Tätigkeit auszuüben.
Steffen Honnens